Kiel - Auf der Anmeldeliste für den Fachtag „Putzen, pflegen, sorgen“ des Nordelbischen Frauenwerks und der Fachstelle „contra“ gegen Frauenhandel in Schleswig-Holstein standen Dutzende Vertreter und Fachleute von Polizei und Zoll, aus Politik, Ministerien, Frauenarbeit und Beratungspraxis. Sie diskutierten vergangene Woche in Kiel die Situation von Migrantinnen, die in privaten Haushalten und Dienstleistungswirtschaft arbeiten. Ihr Befund: Migrantinnen werden zu oft ausgebeutet und entrechtet. Ihr Ziel: mehr Schutz und Hilfe für Migrantinnen in Schleswig-Holstein.
Get the flash player here: http://www.adobe.com/flashplayer
Eine Rumänin kümmert sich um den Haushalt, eine junge Asiatin begleitet die Jüngsten in den Kindergarten, die lateinamerikanische Köchin bringt Exotisches auf den Tisch: In Deutschland angekommen, suchen gerade Migrantinnen in Dienstleistung und privaten Haushalten nach Arbeit, häufig ohne Aufenthaltserlaubnis. Haben sie einen Job gefunden, erfahren sie mitunter Isolation, Entrechtung und Ausbeutung. „Die Grundlage, auf der wir hier miteinander diskutieren, ist die Arbeitsausbeutung als Menschenrechtsverletzung und Straftat“, nahm Kerstin Möller, Leiterin des Nordelbischen Frauenwerks und Mitinitiatorin des Fachtages, eine Ortsbestimmung der Veranstaltung vor.
Migrantinnen sind ihren deutschen Arbeitgebern als Überbrückerinnen von Engpässen bei der Reinigung, Pflege und Kinderbetreuung zwar willkommen. Oftmals sogar ermöglichen sie ihnen erst die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Allerdings werden Migrantinnen und auch Au-pair-Mädchen dabei immer wieder wirtschaftlich ausgebeutet, leben dann isoliert, bisweilen unter würdelosen Verhältnissen und, wenn ohne Papiere und gesicherten ausländerrechtlichen Aufenthaltsstatus, in beständiger Angst vor Entdeckung und Ausweisung. Belege lieferten die „contra“-Beraterinnen Claudia Rabe und Jozefa Paulsen sowie Emilija Mitrovic von der Hamburger ver.di-Anlaufstelle „MigrAr“ reichlich anhand von Praxisfällen, in denen sie Migrantinnen vielmals gerichtlich oder durch Öffentlichmachung zu Ihrem Recht verholfen haben.
Rund 4 Millionen Haushaltshilfen gebe es in Deutschland, davon seien 90 Prozent Migrantinnen und nur 40.000 der Sozialversicherung gemeldet, illustrierte Kathrin Englert die Situation. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen. „contra“-Beraterin Claudia Rabe verwies auf eine Studie der Diakonie über die Lebensbedingungen von Menschen ohne Aufenthaltsrecht in Schleswig-Holstein und legte nach: Neun Prozent von ihnen litten unter schlechten Arbeitsbedingungen, zehn Prozent müssten teils „in Verliesen“ unter „unmenschlichen Verhältnissen“ beim Arbeitgeber in Abhängigkeit und Isolation wohnen. Doch die „globalisierten Hausarbeiterinnen“ - so nennt sie Kathrin Englert in einem Aufsatz - sind keineswegs rechtlos. Vielmehr genießen sie sowohl strafrechtlichen als auch arbeitsrechtlichen Schutz, etwa in Form von Ansprüchen auf Lohn und Sozialversicherung.
Das allerdings müsse man ihnen sagen und sie bei der Geltendmachung ihrer Rechte unterstützen, reklamieren die Expertinnen, was ohne kompetente und funktionierende Beratungsnetzwerke nicht gehe. „Können wir in Schleswig-Holstein von den solchen Hilfsangeboten anderer lernen?“, fragte Kerstin Möller, die nach einem vergleichenden Blick nach Hamburg Schleswig-Holsteins diesbezüglichen Zustand als den eines „Entwicklungslandes“ beklagte. Sie sieht aber hoffnungsvoll in die Zukunft, wenn sie den Fachtag als „Anfangspunkt eines neuen Netzwerks von Fachleuten und Multiplikatoren“ zum Thema Arbeitsausbeutung von Migrantinnen in Schleswig-Holstein einordnet. Möller: „Es wäre schön, wenn wir in einem Jahr feststellen könnten, etwas bewegt zu haben.“
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen